Hinter grauen Industriegebieten, den Hochhaussiedlungen und den Autobahnen gibt es eine Oase, ein Paradies, das Kinderherzen höher schlagen lässt. Erwachsene können niemals sehen, was diese Kinder an dem kleinen Flecken Natur finden, der nicht weit entfernt zwischen einem Fußballplatz und einer Fabrik für Kosmetikartikel liegt. Es ist sogar so, dass Erwachsene diesen Platz nur mit ausdrücklicher Erlaubnis der Kinder betreten dürfen. Und selbst dann besteht noch die Gefahr, dass sie sich verwandeln, wie der gealterte Peter Pan, der nach Nimmerland zurückkehrt.
Die Nordweststadt beherbergt jenes märchenhafte Areal, auf dem Kinder, fast ohne von Erwachsenen behelligt zu werden, machen können, was sie wollen. Sägen, hämmern, mit Wasser herumspritzen, ausgelassen fangen spielen oder sich gegenseitig mit Matsch bewerfen bis sie aussehen wie Urzeitmenschen. Es gibt sogar eine kleine Stadt aus Weidenhäusern für die geheimen Begegnungen verfeindeter Clans oder verrückter Erfinder, wie es sie ohne Zweifel zuhauf im Aktivspielplatz Nordweststadt gibt.
Und wer einfach nur dabei sein will, setzt sich ans Feuer und philosophiert mit den anderen Kindern sehr tiefsinnig darüber ob Plastik brennt. Natürlich niemals ohne Aufsicht, die jedoch so dezent aber professionell geschieht, dass bis zum jetzigen Zeitpunkt noch jeder Plastikeimer in der nähe eines Feuers überlebt hat.
Kinder sollten das Privileg haben sich auszuprobieren, die Elemente unserer Welt, seien sie materiell oder sozial, kennen zu lernen und ihre Kindheit so lebendig und frei wie möglich zu gestalten. Ob sie nun mit Ton arbeiten und spüren, wie es ist etwas zu formen, ein Wasserrad bauen und so das Leben im Fluss erleben oder einen Streit nur mit Worten ausfechten müssen, alle Sinne kommen zur Geltung. Deshalb weist ein Schild auch explizit jeden, der den Spielplatz betreten will darauf hin, dass er hier wohl mehr spüren wird als dort, wo er hergekommen ist. Die Worte lauten: Ein Garten für die Sinne.
AktivSchulTage sollten selbstverständlich sein
Wo Schulen mit Aktivspielplätzen kooperieren entstehen Lernparadiese
Ein Projekt der Klasse 1b der Werner-von-Siemens-Schule in Karlsruhe mit dem Aktivspielplatz Nordweststadt Stadtjugendausschuss e.V. Karlsruhe
Seit langem haben Pädagogen, Eltern und Kinder etwas am deutschen Schulsystem auszusetzen. Mal ist der Stoff für die Kinder zu schwierig, mal sind sie unterfordert. Dann steigt plötzlich die Zahl der Lernbehinderungen rapide und wir rangieren im letzten Drittel des Pisa -Tests. Die einzige Lösung scheint Ritalin, weil unsere Kinder nicht mehr still sitzen, geschweige denn sich auf die Schule konzentrieren können.
Ein Zitat des Psychoanalytikers und Sozialpsychologen A. Mitscherlich aus dem Jahre 1968 besagt:
„Der junge Mensch braucht Seinesgleichen – nämlich Tiere, überhaupt Elementares, Wasser, Dreck, Gebüsch, Spielraum. Man kann ihn auch ohne das alles aufwachsen lassen, mit Teppichen, Stofftieren oder auch auf asphaltierten Straßen und Höfen. Er überlebt es, doch man soll sich dann nicht wundern, wenn er später bestimmte soziale Grundleistungen nie mehr erlernt“.
Neue Methoden müssen her. Methoden, die an die natürlichen Bedürfnisse von Kindern angepasst sind. Kinder wollen Fragen stellen, die Welt erkunden, auf Bäume klettern und in Erdlöchern graben. Sie wollen etwas über die Beschaffenheit unseres Planeten erfahren, über Feuer, Wasser, Erde und Luft.
Kurz: Kinder müssen raus. Kinder müssen aktiv sein.
Lassen Sie uns ein Gedankenexperiment machen. Stellen sie sich vor, eine Klasse bekäme die Möglichkeit, einen Tag keinen MNK- (Mensch Natur Kultur) Unterricht zu haben, in dem sie gelernt hätte, dass Ahornblätter anders aussehen als Birkenblätter, sondern sie dürfte mit ihrer Lehrerin nach draußen gehen, um jeweils einen Ahornbaum, eine Birke zu suchen, sie anzufassen, die Blätter zu berühren, die Rinde zu riechen, unter dem Baum zu vespern usw. Stellen sie sich weiterhin vor, dass eben diese Baumbesichtigung nur auf dem Weg zu einem bestimmten Platz geschieht, der sehr kinderfreundlich „Aktivspielplatz“ heißt (abgekürzt ASP). Dort gibt es nicht nur einen, sondern zwei Fach-Pädagogen, die zusammen mit den Klassenlehrern Angebote ausgearbeitet haben, die kindgerecht auf viele Arenen des Lebens abzielen und das mit einem überragenden Lerneffekt. So müssen Kinder lernen sich zu organisieren, wenn sie nicht nur ein Tier aus Ton bauen, sondern auch an einem Kooperationsspiel teilnehmen wollen. Zum Beispiel ist Aufgabe bei diesem Spiel, als Gruppe jeden Einzelnen über einen imaginären Zaun zu hieven, der durch ein gespanntes Seil dargestellt wird, das man nicht berühren darf. Der Clou: Als Hilfsmittel gibt es nur ein Brett. Bei einem solchen Spiel ist sowohl Kreativität gefragt als auch soziale Kompetenz. Zusätzlich, der Pragmatiker wird schon daran gedacht haben, kräftigt es den Körper sowie die Bindungen der Kinder untereinander. Danach geht es dann weiter zum Lagerfeuer oder in die Gruppe, in der die Lehrerin über die Jahreszeiten spricht ...
Sie werden es sich schon gedacht haben. Ein solcher Ort existiert tatsächlich, genauso, wie die Einrichtung des AktivSchulTages, der regelmäßig im Aktivspielplatz Nordweststadt abgehalten wird. Er ist zwar noch jung, aber eigentlich sollte er selbstverständlich sein, zumal sich die schulische Leistung der Kinder im Schnitt gebessert hat. Die Kinder strahlen mehr Selbstbewusstsein und Lebensfreude aus. Das alles nur wegen ein paar Spielen und oft genug - (nur) wegen einer Hand voll Matsch.
Text: Becker / Schüßler
Das aktuelle Projekt
Seit Beginn des Schuljahres 2009 und geplant für das gesamte Schuljahr 2010 und 2010/11 verlassen immer dienstags gegen 10:00 Uhr 20 Erstklässler (6 Mädchen, 14 Jungs, davon viele mit migrantem Hintergrund) der Ganztagsklasse 1b der Werner-von-Siemens-Schule mit ihrer Erzieherin Christine Reiser und ihrer Klassenlehrerin Ingrid Becker das Klassenzimmer, um einen außerschulischen Lernort, den nahegelegenen Aktivspielplatz in der Hertzstraße aufzusuchen.
Hier wartet das Aktivspielplatz-Team Petra Duffner und Michael Schüßler auf die muntere Kinderschar. Es wurde ein eigenes Konzept entwickelt, das verschiedene Angebote umfasst: gemeinsam Kochen, gemeinsam zu Mittag essen, Lernen in Kleingruppen am Lerntisch, ein Bastel- und Werkangebot passend zum MNK-Thema der Klasse, sportliche Angebote und natürlich sehr viel Raum für freies Spiel, denn spielen bildet.
Bis 16 Uhr findet nun Lernen und Spielen mit allen Sinnen statt, denn in dem Wort „begreifen“ steckt das Wort „greifen“. Nur was ich selbst gemacht, selbst entdeckt, selbst geschmeckt, selbst gebastelt, selbst gekocht, selbst getan habe, das habe ich verstanden – das habe ich begriffen. Es ist wichtig zu be-greifen, Zusammenhänge zu er-fassen
Dieser außerschulische Lernort bietet die Möglichkeit zu praktischen Unterrichtseinheiten in Sachunterricht, Natur- und Umweltbildung, Kunst oder Werken im Sinne handelnden Lernens an. Kinder brauchen ganzheitliche körperliche, geistige, emotionale und soziale Förderung. Im Laufe des Tages gibt es viele Anlässe, gemeinsam etwas zu tun. Man muss sich verständigen, Absprachen treffen. Man lernt sich kennen, wenn man mit den „Rennwagen“ fährt oder ein Lager in einem der Baumhäuser einrichtet. Passend zu den Themen des Unterrichts wird an jedem AktivSchulTag eine handwerklich/künstlerische Arbeit hergestellt. Ein gemeinsames Ritual beschließt den Tag – eine Abschlussrunde. Der Tag wird noch einmal Revue passiert und man freut sich auf den nächsten AktivSchulTag.
Erlass der Landes NRW: Durch gemeinsame Angebote zur individuellen Förderung, zur musisch-künstlerischen Bildung, zu Bewegung, Spiel und Sport und zur sozialen Bildung soll eine neue Lernkultur entstehen.
Text: Becker / Schüßler
| Aktivspielplatz Nordweststadt | |
|---|---|
| Ansprechpartner: | Michael Schüßler |
| Anschrift: | Hertzstr. 176d 76187 Karlsruhe |
| Telefon: | 0721-9714330 |
| E-Mail: | m.schuessler(at)stja.karlsruhe.de |
| Öffnungszeiten: | |
| Mo - Do: nach Vereinbarung Fr: 13 - 17 Uhr Sa: 10 - 14 Uhr | |
| Bemerkungen: | Wir sind auch unter asp-nw@stja.karlsruhe.de per Mail erreichbar. |
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